Das zweite Leben

 

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Roman

  1. Kapitel

Grauschwarze, bleischwere Wolken hängen, stehen, kleben regungs- und lautlos am Himmel. Kein Vogel zwitschert. Kein Knacken eines Astes ist zu hören. Kein Eichhörnchen scharrt nach Nahrung. Kein Windhauch berührt die Blätter. Alle warten auf ihn. Unsichtbar innerlich bebend. Tödliche Stille liegt über den bewaldeten Hügeln des Taunus.

Über den Sternen hat er abgrundtief eingeatmet. Nun bricht er wütend, tobend, erbarmungslos aus, der erste der gnadenlosen Herbststürme.

Da biegen sie sich. Die Rosskastanien, deren Vorfahren aus dem Kaukasus und dem Himalaya stammen. Die handförmigen Blätter klammern sich verzweifelt an die Zweige, die Zweige an die Äste, die Äste an den Stamm und fallen dennoch. Die Früchte taumeln in ihrem stacheligen Gewand zu Boden. Nur wenige trotzen ihrem Schicksal. Laura haftet sich mit aller Kraft in vier Metern Höhe an ihre Mutter, um nicht in die unsichere, unbekannte Tiefe zu stürzen.

Irgendwann geht dem reißenden Sturm die Luft aus. Die Wolken haben sich ausgeweint. Ein Vogel beginnt ein neues Lied zu singen. Die Äste knacken, um sich wieder in eine angenehme Stellung zu bringen. Ein Eichhörnchen macht sich erfolgreich auf Nahrungssuche. Eine kaum spürbare leichte Brise streichelt das Land. Die Angst vor dem Sturm ist mit dem Wind verflogen. Das Leben ist zurückgekehrt.

Laura ist noch nicht geboren, verweilt in ihrem Fruchtbecher, und dennoch wissen alle, dass sie etwas Besonderes werden würde, nein schon etwas Besonderes war.

Der Natur trotzen. Den eigenen Weg gehen. Nicht jede ist mit Kraft und starkem Willen gesegnet oder gestraft.

Da hängt Laura nun. Alle ihre nahen Geschwister sind nicht weit vom Stamm gefallen. Andere vom Sturm in scheinbar weite Ferne getragen worden. Laura ist traurig und fühlt sich einsam. Sie wünscht sich, nicht geboren zu werden, wünscht sich in ihrer stacheligen Hülle zu verweilen, bis sie eines Tages vertrocknet sei. Als sie so halb schlafend ihren düsteren Gedanken nachhängt, geschieht etwas für sie Unbeschreibliches. Der Hauch einer sanften Stimme wiegt sie leise hin und her. So wie andere in den Schlaf gewiegt werden, so wird Laura vorsichtig zum Leben erweckt. Die Stimme – es ist eine liebevolle, männliche Stimme – ruft kaum hörbar ihren Namen. „Laura!“.

Die hellgrüne Stachelschutzhülle Lauras öffnet sich langsam und die ersten Strahlen der Morgensonne berühren ihre Haut. „Laura!“

Laura spürt, dass diese wundervolle Stimme der Seele gehört, die auf sie gewartet hat. Scheinbar endlos gewartet und gelitten, voller Angst, dass es Laura nicht geben könnte oder dass sie unerreichbar sein würde. Als seine Stimme erklingt, weiß Laura, dass dies die Seele ist, mit der sie eines Tages verschmelzen würde, dass es Marius ist, der ihr eines Tages in seiner besonderen Gestalt begegnen würde, und einen glücklichen Augenblick lang hört Laura auf zu zittern, zu zittern aus Angst vor dem Leben.

Lauras Schutzmantel öffnet sich weiter und weiter – wie der Mund eines Menschen, der gerade tief ausatmet, einatmet, gähnt. Und bald löst sich Laura aus ihrer Hülle. „Das einzige Mal, dass ich fliegen werde“, denkt Laura, und stürzt voller Furcht vor dem Aufprall in die Tiefe. Doch ihre Mutter und die in der Nähe stehenden Verwanden haben viele bunte, handförmige, am Boden klebende Blätter zum Schutz aufeinandergelegt und selbst der Sturm hat nicht alle davon reissen können. So empfindet Laura den Aufprall nicht halb so schmerzhaft wie erwartet.

 

Laura bleibt regungslos einige Tage liegen. Sie stellt sich vor, was alles geschehen könne. Ihr schweben Dinge vor, die sie eigentlich gar nicht kennen dürfte. Ein Fahrzeug könnte sie überrollen und sie zerbräche in alle Teile. Ein Mensch nähme sie auf, steckte Streichhölzer in sie hinein und stellte sie als Figur in eine geheizte Stube, in der sie austrocknete. Oder vielleicht bliebe sie einfach hier liegen, versank in der Erde und formte einen neuen Baum.

Jedoch meistens geschieht etwas, mit dem man nicht gerechnet hat. Eines Nachmittags fährt ein Traktor mit einem Anhänger durch den Wald. Sie haben Äpfelkisten geladen. Der Wagen gerät in einen Graben. Zwei Kisten fallen herunter. Sie halten an, lesen die am Boden liegenden Äpfel auf. Laura kommt aus Versehen unter sie.

Es folgt eine Fahrt zum Aussiedlerhof. Dort wird noch am selben Tag Süßer oder Apfelmost gepresst. Beim Waschen der Äpfel, schwimmt Laura an der Oberfläche. Der kleine Sohn des Bauern greift nach Laura, um sie später mit Erde in einen Tontopf einzupflanzen und auf dem Dachboden unter der Luke hinzustellen.

Jeden Donnerstagabend kommt er zum Giessen.

 

  1. Kapitel

Laura hat sich aus der Erde an die stickige Luft des Dachbodens hervorgearbeitet. Ihr Stamm ist winzig. Und sie hat nur zwei kleine Blätter. Nicht mehr. Kein Wind. Zu wenig Sonne. Kaum Nährstoffe. Keine Zuwendung.

Die Zeit vergeht. Laura erhält sich am Leben.

Sie ist nun ein Jahr alt. Laura kann sehen, ist sich jedoch dessen nicht bewusst, bzw. weiß nicht, dass Kastanien diese Fähigkeit „normalerweise“ fehlt. Das Dasein auf dem Dachboden ist grenzenlos langweilig. Gerümpel, Schränke, Staub. Viel Nutzloses – so wie Laura?

Laura ist oft frustriert, kann dieses Dahinsiechen kaum noch ertragen. Sie versucht, die Zeit mit Tagträumen zu füllen, indem sie sich vorstellt, wie die Welt draußen aussehen könnte. Dann beginnt sie, in Gedanken mit den Gegenständen auf dem Speicher zu spielen.

Laura stellt fest, dass sie auf ihre Umgebung Einfluss nehmen kann. Sie bewegt Dinge durch mentale Kraft. Telekinese. Doch sie selbst bleibt unbeweglich.

Ein Tischfussballspiel dauert zwei Stunden. Die Gelben haben verloren. Laura schmeißt entnervt den Tisch um. Wirft mit Büchern. Bücher? Was sind das überhaupt? Laura spürt, dass sie etwas mit Information zu tun haben müssen. Aber sie kann noch nicht lesen.

Ihre telepathischen Fähigkeiten liegen noch versteckt.

Laura fragt sich, weshalb sie so einsam leben musste. Warum hatte Marius sie gerufen, um sie dann wieder zu verlassen? Sie stellte sich vor, wie er wohl aussehen könnte, wie er war wusste sie ja bereits.

Er musste älter als sie sein, denn er hatte schon lange auf sie gewartet. Vielleicht war er schon ein Meter groß, mit noch kleinen, doch wunderschönen Ästen, die wie umschlingende Arme und zartgrünen Blättern, die wie sanfte Hände waren. Aber wenn er nun gar keine Kastanie, sondern eine Eiche, Buche oder sogar eine Trauerweide wäre. Dunkel erinnert sich Laura an die Zeit ihrer Vorfahren, in welcher der große Nährstoffkrieg geherrscht hatte und zu den schlimmsten Feinden zählten die letztgenannten und allen Kastanien war eingeschärft worden, sich nie in der Nähe dieser Baumarten anzupflanzen.

Er würde mir nie meine Lebenskraft nehmen, sagte sich Laura, und vertraute auf seine Stimme, die in ihr wie Musik erklang. Und wenn es mir bestimmt sein soll durch ihn zu sterben, so werde ich dennoch diesen meinen Weg gehen, denn Einsamkeit ist schlimmer als der Tod. Aber denn eigenen Tod kannte sie ja noch nicht.

Laura träumt von einem Leben Wurzel an Wurzel. Äste berühren sich. Wiegen gemeinsam im Wind. Marius ist größer. Schützt vor Regen. Starker Sonne. Laura umgreift seine Wurzeln, um ihn zu stützen. Gemeinsam gegen die Naturgewalten.

Laura schaut sich ein Bilderbuch an. Das Meer. Dort standen eigenartige Bäume. Es waren Palmen, wie sie später lernte. Das Meer. Ein großes, scheinbar unendlich weites Gewässer. Wenn er nun eine solche Palme am Meer wäre… Vielleicht würde er sie bitten, mit ihr dort zu leben. Ob der Wind, der über dem Wasser schwebt, genauso riecht, genauso tobt, wie auf den Hügeln ihrer Heimat? Vielleicht würde Marius auch bei ihr leben wollen. Oder er bevorzugte auszuwandern. In einer Stadt die Alleen säumen. In einem Park stehen. Einem Vorgarten. Einem Villenviertel. Oder auf einer einsamen Insel sein Leben verbringen.

Laura spielt telekinetisch mit einem Kinderhandball, während sie an Marius denkt. Manchmal knallt sie den Ball an die Wand, manchmal lässt sie ihn schweben, manchmal tanzen…

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